Die Tour

Aktiv auf der Straße – Mit unserem NRW-Innenminister Herbert Reul und BraveMovement

Am 27. Juni 2022 waren wir zum ersten Mal seit Langem wieder auf der Straße. Renate Bühn (Künstlerin und Mitglied im Betroffenenrat der UBSKM) hatte landesweit die Plakataktion für die globale BraveMovement-Kampagne organisiert und zu Aktionen aufgerufen. Wir schlugen Bergisch Gladbach als eine von 21 teilnehmenden Städten vor und organisierten kurzerhand die Plakatwand neben BraveMovement für unser Statement. Parallel informierten wir die lokale Presse sowie Radio Berg und riefen alle Bürgerinnen und Bürger auf, mitzumachen.

Durch eine beherzte Ansprache bei einem öffentlichen Termin in unserer Nähe konnten wir für die Aktion großartiger Weise unseren NRW-Innenminister Herbert Reul gewinnen. Er hielt sein Versprechen und erschien um 10:00 Uhr an unserem Stand vor den Plakaten in Bergisch Gladbach. Seine Zeit war wie immer knapp bemessen. Wir sprachen kurz mit ihm ab, wie wir die zur Verfügung stehenden 30 Minuten effektiv zur Unterstützung der Kampagne nutzen können: Fotos, Video-Statement und Interviews mit der örtlichen Presse waren das vorzeigbare Ergebnis.

Der NRW-Innenminister setzte somit ein klares Zeichen für Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend und solidarisierte sich. Bereits nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in Lügde erklärte Herbert Reul, als einziger Landes-Innenminister bundesweit, den Kampf gegen Kindesmissbrauch zur Chefsache. Er setzt sich vehement dafür ein, dass die Ressourcen der Ermittlungsbehörden in diesem Bereich ausgebaut werden. Mit Erfolg! Denn seither sind in NRW zahlreiche weitere Missbrauchskomplexe ins Hellfeld gerückt, die ohne diese Kraftanstrengung wohl weiterhin im Dunkelfeld verblieben wären. Kinder konnten ermittelt und aus akuten Missbrauchssituationen gerettet werden.

Aber wir müssen noch viel mehr unternehmen. Wie Minister Reul sind auch wir der Ansicht, dass nie genug getan werden kann. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder hat die Dimensionen einer Volkskrankheit, es zeigen sich pandemische Ausmaße (Zitat Prof. Fegert, Uni Ulm).

Nach dieser ereignisreichen halben Stunde verabschiedete sich der Minister zum nächsten Termin. Die Unterzeichnung des Koalitionsvertrages stand an. Personenschützer, Polizei und Presse entfernten sich mit ihm.

Gespräche, die berühren

Wir blieben noch einige Stunden vor Ort, präsentierten den vorbeifahrenden und vorbeieilenden Menschen die Plakate im A3-Format und standen für Gespräche zur Verfügung. Wie bei jedem Termin, an dem wir in den letzten Jahren auf der Straße sichtbar waren, ergaben sich auch hier zum Teil sehr berührende Begegnungen:

Der Mann, der zögerlich preisgibt, ebenfalls Betroffener zu sein. Genauso wie seine Frau, die aber derzeit alles am liebsten verdrängen möchte. Er ist sichtlich ergriffen. „Mit zunehmendem Alter wird alles immer schlimmer“, vertraut er uns an. Im Laufe seines Lebens habe er Vieles durch Arbeit, durch stetiges „Beschäftigt-sein“, verdrängt. Doch nun ist es ruhiger und die immensen Belastungen lassen sich nicht mehr so einfach fernhalten. Auf die Frage, welche Unterstützung er sich wünschen würde, nennt er, Sprechräume haben, alles einmal erzählen zu können, ohne Wertung und Stigma.

Eine junge Frau gibt sich als Betroffene zu erkennen. Wir unterhalten uns eine Weile. Sie hat schon so viele Hilfestellen durch. Es ist schwer, aber sie ist tapfer. Arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die wie sie traumatische Kindheitserfahrungen erleiden mussten. Denn sie weiß, wie wichtig es ist, dass man eine Person im Umfeld hat, die die eigenen Erfahrungen nachvollziehen kann. Die genau weiß, wie es sich anfühlt und welche Dynamiken das Erlebte entwickeln kann. Das schafft Verbundenheit und Verbundenheit schafft Vertrauen. Vertrauen ist so schwer für betroffene Menschen. Das kann sie aus eigener Erfahrung sagen. Aus diesem Grund möchte sie es anderen leichter machen.

Auch die Begegnung mit einer Frau im Rollstuhl berührt mich noch Tage später. Sie hat Tränen in den Augen, als unsere Musikbox das Lied von PUR „Kinder sind Tabu“ spielt. Unsere Blicke begegnen sich, wir sprechen nicht viele Worte. Sie interessiert sich für unseren Flyer und ich frage sie, ob ich ihr eine grüne Magnetschleife schenken darf. Ich erkläre ihr kurz die Bedeutung der Solidaritäts-Schleife und gebe ihr die Beschreibung dazu mit. Sie freut sich sichtlich darüber. Wir schauen uns noch einen Moment verstehend an, bevor wir uns voneinander verabschieden.

Gespräche, die deutlich machen, wie wichtig Grundlagen-Wissen ist

Eine ältere Dame kommt zu uns an den Stand. Sie sagt, sie habe früher beim Kinderschutzbund gearbeitet (aufgrund ihrer Äußerungen vermuten wir, eher im ehrenamtlichen als im fachlichen Bereich). Sie sagt, wie schlimm es sei, dass die Mädchen heutzutage so freizügig herumliefen … Wir erklären ihr, dass unabhängig von der Kleidung, niemand jemals das Recht habe, übergriffig zu werden. Weiter sagt sie, dass man ihr nicht erzählen könne, dass „diese Mütter“ aus den bekannt gewordenen Fällen nichts gemerkt hätten. Wir erzählen es ihr trotzdem. Leider gibt es Mütter, die Mittäterinnen und auch Täterinnen sind UND es gibt Mütter, die von ihrem Partner in gleicher Weise manipuliert und getäuscht werden, wie das gesamte weitere Umfeld und das Opfer selbst. Es kommt immer, ganz individuell, auf den Einzelfall an. Wir müssen alle lernen, gut zu differenzieren und dürfen nicht pauschalisieren.

Als wir mit unseren Schildern „BraveMovement! Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stoppen!“ und „650.000 + Unterschriften zur Abschaffung der Verjährungsfrist bei sexuellem Kindesmissbrauch!“ an der Straße stehen, kommt ein Mann auf uns zu. Er wirkt leicht aufgebracht und fragt etwas provokant, was wir denn mit dieser Aktion erreichen wollten. Wir gehen mit ihm ins Gespräch, was angesichts des Autolärms der Straße gar nicht so leicht ist. Wir erläutern die Gesetzeslage zur Verjährung und unsere persönlichen Erfahrungen damit. Er zeigt sich besorgt angesichts der verbreiteten Ansicht im Netz, man müsse „alle Pädophilen“ einer lebenslangen Haft oder sogar der Todesstrafe zuführen etc. Er meint, es müsse für diese Personen mehr um Prävention gehen. Abgesehen davon, dass unsere Forderung, die Verjährungsfrist bei sexuellem Kindesmissbrauch abzuschaffen, nichts damit zu tun hat, erklären wir ihm, dass uns durchaus bewusst ist, dass nicht alle Menschen mit der sexuellen Präferenzstörung Pädophilie auch zu Tätern werden. Verschiedenen Studien zufolge sind zwischen 20 % und 50 % der Täter und tlw. auch Täterinnen pädophil. Alle anderen begehen die Taten aus anderen Gründen (Machtmissbrauch, Sadismus, Gewinnerzielung durch Verbreitung, etc.). Als er merkt, dass wir wissen, wovon wir sprechen, beruhigt er sich schnell und bedankt sich für die Informationen, die, wie er sagt, für ihn neu waren.

Das ist ein kleiner Ausschnitt eines ereignisreichen Tages, der uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Am Ende sind wir uns einig, dass wir solche Aktionen auf der Straße viel häufiger oder sogar regelmäßig durchführen sollten.

Wir bedanken uns bei allen, die uns bei dieser Aktion tatkräftig unterstützt haben und wir danken allen Helfenden und Unterstützenden, die unsere Arbeit in Form von Spenden ermöglichen.

Presseartikel

„Das kann nie verjähren“ Minister Reul besucht Verein gegen Missbrauch in Gladbach
 Kölner-Stadtanzeiger 28.06.22  (Paywall) Von Stephan Brockmeier

Radiobeitrag

Bergisch Gladbach: Aktion gegen Kindesmissbrauch
Radio Berg 27.06.22

Petitionsupdates


Gemeinsam mit Brave Movement im Kampf gegen sexualisierte Gewalt weltweit
Tour41 e.V. auf change.org 13.06.22
„Das kann nie verjähren“ Minister Reul besucht Tour41 e.V. -Verein gegen Missbrauch
Tour41 e.V. auf change.org 09.07.22

Pressemitteilung / Hintergrund

Gemeinsam mit Brave Movement im Kampf gegen sexualisierte Gewalt weltweit
Tour41 e.V