Zahlen & Fakten

Wie viele Mädchen und Jungen werden Opfer von sexuellem Missbrauch?
(Quelle: mikado-studie.de)

Offizielle Statistiken wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) berichten jährlich von mehr als 14.000 Kindern in Deutschland, die Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Drei Viertel der Opfer sind weiblich. Allerdings bilden solche Statistiken nur einen Teil des Phänomens Sexueller Missbrauch ab und unterschätzen das Gesamtausmaß stark, da sie nur die angezeigten Fälle (Hellfeld) erfassen. Nationale und internationale Dunkelfeldstudien (Befragungen, die die stattgefundenen, aber nicht angezeigten Delikte erfassen) berichten, dass 15-30% aller Mädchen und 5-15% der Jungen in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Mädchen sind demnach bis zu dreimal häufiger betroffen als Jungen. Sexueller Missbrauch kommt in allen Gesellschaftsschichten vor und betrifft somit die gesamte Bevölkerung. Da es in Deutschland bislang kaum repräsentative Studien zum Ausmaß von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und Jugend gibt, ist eine Befragung im Rahmen des MiKADO-Projekts dringend nötig.

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Was sind mögliche Folgen von sexuellem Missbrauch?
Sexueller Missbrauch kann für die Opfer sehr unterschiedliche Folgen nach sich ziehen. Neben körperlichen Symptomen wie Verletzungen und Schmerzen entwickeln Betroffene beispielsweise häufiger psychische Erkrankungen wie Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen oder auch Suchterkrankungen. Auch Schlafstörungen, Angstzustände, oder Essstörungen können als Folge von erlebtem sexuellem Missbrauch auftreten. Soziale Auswirkungen können sich durch Schul- und Lernprobleme oder auch sozialen Rückzug zeigen. Diese Erkenntnisse wurden bislang jedoch ebenfalls überwiegend aus Untersuchungen des Hellfelds, also der angezeigten Fälle, gewonnen. Da Betroffene den erlebten sexuellen Missbrauch jedoch häufig nicht offenlegen, wollen wir im MiKADO-Projekt gerade auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene einbeziehen, die keine Hilfsangebote aufgesucht, bekommen oder angenommen haben, um Erkenntnisse über deren Befinden und mögliche weitere Folgen von sexuellem Missbrauch zu gewinnen.

Welche Anlaufstellen gibt es für Betroffene und deren Angehörige?
Bundesweit gibt es eine Vielzahl verschiedener Opferschutzverbände, Beratungsstellen, Institutionen und anonymer Hotlines, an die sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene wenden können, die sexuellen Missbrauch erlitten haben, die aber auch eine Anlaufstelle für Angehörige von Betroffenen oder für Menschen sein können, die sexuellen Missbrauch in ihrem Umfeld mitbekommen. Doch wie sollen Betroffene adäquate Hilfe finden? Meist sind die Überlebenden dazu nicht in der Lage. Scham und Schuldgefühle blockieren das Handeln.

Wer begeht sexuellen Missbrauch?
Sexueller Missbrauch wird überwiegend von Männern begangen. Legt man die amtlichen Verurteilungsstatistiken zugrunde, liegt der Anteil männlicher Täter bei etwa 98%. Viele sexuelle Missbrauchsdelikte passieren innerhalb von Familien (bis zu einem Fünftel der Fälle bei weiblichen Opfern). Allerdings ist auch hier davon auszugehen, dass diese gemeldeten Delikte die Statistiken hinsichtlich der Täter-Opfer-Beziehungen verzerren, da tendenziell eher unbekannte Täter angezeigt werden als solche, die zur eigenen Familie gehören. Es gibt unterschiedliche Bedingungen auf Seiten der Täter, die zu sexuellem Missbrauch führen. Dass jemand ein sexuelles Missbrauchsdelikt begeht, kann durch eine Reihe von Faktoren ausgelöst werden. Abgesehen vom Vorliegen einer Pädophilie (also einer sexuellen Präferenzstörung im Bezug auf Kinder) können u. a. situative Verkennungen, Störungen der Impulskontrolle, Alkoholisierung und Geistesschwäche eine solche Tat begünstigen. Im Rahmen inzestuöser Verläufe kommt es oftmals zu einer schleichenden Zuschreibung erwachsener Eigenschaften auf das Kind, was letztlich in einen sexuellen Übergriff mündet.

Misshandlungen (Quelle: Focus)
4204 Kinder wurden im vergangenen Jahr Opfer von körperlichen Misshandlungen, noch mehr als im Vorjahr. Viele glauben, dass Gewalt gegen Kinder für sie weit weg sei, dass sie nur in anderen Familien und Nachbarschaften passiere. Aber das stimmt nicht. Misshandelte Kinder sind für die meisten etwas, das in anderen Familien vorkommt, in anderen Freundeskreisen, in Nachbarschaften. Aber doch nicht in ihrem direkten Umfeld. So empfinden es viele Deutsche. Aber leider liegen sie falsch.

108 Kinder wurden getötet, 4204 körperlich misshandelt (aktuell 3 Kinder/Woche)
108 Kinder wurden im Jahr 2014 getötet. In 81 Fällen blieb es beim Tötungsversuch. Opfer von körperlichen Misshandlungen wurden im vergangenen Jahr 4204 Kinder, das bedeutet einen Anstieg von knapp fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Etwas weniger als die Hälfte davon war jünger als sechs Jahre. Jeden Tag gibt es durchschnittlich 40 Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder.

Das geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik hervor, die Bundeskriminalamt und Deutsche Kinderhilfe an diesem Dienstag vorstellten. Erfasst werden können nur die bekannt gewordenen Fälle, die Dunkelziffer liegt deutlich höher.

„Jeder von uns kennt Kinder und heute Erwachsene, die von Sexuellem Missbrauch und Gewalt betroffen sind“

„Jeder von uns kennt Kinder, die von Gewalt – auch von sexueller – betroffen sind. Das müssen die Menschen endlich realisieren“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker.

Deshalb fordert der Kinderbund, dass die Menschen genauer hinsehen: „Schaut eine Lehrerein oder ein Lehrer in eine Klasse, sitzen dort statistisch betrachtet ein bis zwei Kinder, die sexuelle Gewalt erleben mussten.“ Dasselbe gilt dann auch für die Schulklasse des eigenen Kindes, der Nichte oder des Neffen.

Gerichtsmediziner schildern schockierende Fälle

Die beiden Gerichtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat werden in ihrer Arbeit mit zahlreichen Fällen von Kindesmisshandlung konfrontiert. In dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ haben sie ihre schockierenden Erfahrungen niedergeschrieben. Sie sehen Säuglinge mit Schütteltrauma und zu Tode geprügelte Kinder. Sie erleben Eltern, die ihre Kinder hungern lassen, sie beißen, Zigaretten auf ihrer Haut ausdrücken oder sie mit dem nackten Hintern auf eine heiße Herdplatte setzen. Er boxt seiner Tochter in den Bauch, weil sie nicht essen will.

Die Autoren betonen, dass es sich dabei keineswegs nur um vorbestrafte oder drogenabhängige Eltern aus sozialen Brennpunkten handelt. Sondern auch um Akademikerfamilien. Zum Beispiel der Kunststudent, der seiner Tochter in den Bauch boxt, weil sie seit Tagen Theater beim Frühstück macht und nun schon wieder ihren Teller auf den Boden fegt. Oder der Vater, der seinen kleinen Sohn heftig schüttelt, als der während eines beruflichen Telefonats einfach keine Ruhe gibt – und damit eine bleibende schwere Behinderung auslöst.