Tour41-Team zu Gast im Landtag Niedersachsen

Enquetekommission zur Verbesserung des Kinderschutzes und zur Verhinderung von Missbrauch und sexueller Gewalt an Kindern

Gestern folgten wir einer kurzfristigen Einladung zum fachlichen Austausch in den Niedersächsischer Landtag. Eine parteiübergreifende Enquetekommission soll in einem Zeitraum von ca. 14 Monaten Handlungsempfehlungen erarbeiten, die auf föderaler Ebene den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt verbessern und im besten Fall verhindern sollen. Dazu wurde ein umfassender Fragenkatalog erarbeitet.

In einer mehrstündigen Beratung stellten wir uns den Fragen der Kommissionsmitglieder. Wir freuen uns sehr über die offene und interessierte Haltung aller Beteiligten. Diese Haltung wünschen wir uns im Grunde von allen Verantwortlichen in Kommune, Land und Bund.  Das politische Denken und Handeln bewegt sich immer noch in sehr engen Grenzen und ist in der Regel vom persönlichen Habitus der jeweiligen Personen abhängig.

Wie können die Menschen an den wichtigen Schnittstellen also einen Bezug zur Lebenswirklichkeit und Komplexität im Themenbereich der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche herstellen?

Zum einen durch die intensive Auseinandersetzung mit Betroffenen, Angehörigen und im Themenfeld tätigen und beratenden Personen und Institutionen. Zum Anderen durch intensive Auseinandersetzung vor allem mit Täterstrategien, Tatdynamiken und kindlichen Schutzfaktoren.

Das ist sowohl für Politik als auch für die Gesellschaft schmerzhaft und nicht leicht auszuhalten. Aber Kinder halten aus; jeden Tag, an jedem Ort auf der Welt!

Was ist also zu tun? Welche Zahnräder müssen ineinandergreifen?

Es gibt nicht das eine Konzept, nicht die optimale Strategie. Ein gesamtgesellschaftliches Problem bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Lösung.

Was ist also der Schlüssel zu allen Fragen in Bezug auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt?

Zunächst eine offene Haltung.
Und Wissen.
Information und Aufklärung.
Prävention ganzheitlich gedacht.
Prävention, die sowohl Kinder als auch Erwachsene stark macht.
Besonders die Erwachsenen. Die werden erfahrungsgemäß oft vergessen. Kinder sind auf gut informierte Erwachsene angewiesen!
Kein Kind kann sich alleine schützen!

Unsere Haltung und Empfehlungen:

  • Implementierung einer oder eines Missbrauchsbeauftragten, Betroffenenrates und Aufarbeitungskommission ähnlich der Struktur auf Bundesebene, Opferschutzbeauftragte speziell für Betroffene von sexualisierter Gewalt.
  • Anlaufstellen, Therapieangebote und Hilfen für Betroffene aufbauen, ausbauen, stärken
    Ausreichende, niederschwellige und schnelle Hilfe, Beratung, Begleitung und Therapieangebote für betroffene Kinder und Erwachsene. Insbesondere ist auch hier auf die oft fehlenden Angebote für Jungen und Männer hinzuweisen.

    Laut Ursula Enders, Leiterin der etablierten Fachberatungsstelle Zartbitter in Köln, fehlen für 80% ihrer Klientinnen und Klienten Anschlusslösungen!
  • Stärkung und Ausbau der Fachberatung und Selbsthilfeorganisationen
    Beratungsstellen sollten nicht mehr einen großen Teil ihrer Zeit für die Beschaffung von Geldmitteln zur Existenzsicherung opfern müssen. Angebote auch für männliche Betroffene schaffen.
  • Verpflichtende Schutzkonzepte für Schulen und Kitas
    achtsam und partizipativ unter Einbeziehung aller Beteiligten und mit Hilfe externer fachlicher Beratung und Begleitung. Vorab Interventions-möglichkeiten eruieren!
  • Präventionskonzepte und präventive Erziehung in Schulen und Kitas
    Kinder lernen bereits in der Kita altersentsprechend und in regelmäßigen Abständen etwas über z. B. Grenzen, Kinderrechte und ihren Körper. Darauf aufbauend weitere präventive Angebote in Schulen.
  • Kindgerechte Justiz
    sowohl in strafrechtlichen als auch in familienrechtlichen Verfahren
    Anpassung gesetzlicher Grundlagen und Fortbildung aller Beteiligten zum Thema Kinderschutz, speziell zur sexualisierten Gewalt und insbesondere zu Täterstrategien, Tatdynamiken und kindlichen Schutzfaktoren.

    Das häufig ausgesprochene Therapieverbot für Kinder und Jugendliche bis zum Prozessende muss dringend revidiert werden! Das ist unterlassene Hilfeleistung und führt mitunter zu chronisch komplexen Traumafolgestörungen!

    Eltern und Bezugspersonen, die einen Missbrauch zur Anzeige bringen wollen, müssen sich aufgrund der mangelhaften bzw. fehlenden kindgerechten Ermittlungs- und Gerichtsverfahren derzeit häufig zwischen dem Wohl ihres Kindes und der Verfolgung des Täters entscheiden. Auch gerichtliche bestellte Gutachter sind in vielen Fällen nicht entsprechend aus- und fortgebildet. Fatale Fehleinschätzungen und Einstellung von Verfahren aufgrund von Verfahrensfehlern sind nicht selten die Folge!
  • Mitarbeitende in Jugendämtern
    entsprechend aus- und fortbilden und somit sensibilisieren. Fachaufsichten und Beschwerdeverfahren implementieren. Passgenaue Hilfen ohne Blick auf die Kosten müssen hier im Vordergrund stehen. Schaffung von zeitlichen sowie finanziellen Ressourcen. Qualitätsmanagement: Einheitliche Standards zur Beurteilung und Intervention bei Kindeswohlgefährdung sowie für die Unterbringung in Pflegefamilien.
  • Seminare für Eltern- und Bezugspersonen
    Kinder können sowohl innerhalb der Familie als auch durch ihr weiteres soziales Umfeld von sexualisierter Gewalt betroffen sein. Daher ist es wichtig, Angebote zur Information und Aufklärung zu schaffen, die für alle Personengruppen zugänglich sind.
  • Anlaufstellen und Therapieangebote für Jugendliche und Erwachsene mit der sexuellen Präferenzstörung Pädophilie oder Hebephilie, die sich helfen lassen wollen.

Grundlagen zur Haltung und Wissensvermittlung

Auch die Vermittlung von Haltung und Wissen sollte einheitlichen Standards folgen. Die Gefahr, klischeebesetztes „falsches Wissen“ oder veraltete nicht mehr zeitgemäße Ansichten zu verbreiten, ist ansonsten groß.

An dieser Stelle möchten wir auf die zertifizierten E-Learning-Angebote des Projekt-Teams ECQAT hinweisen. Entwickelt wurden Sie unter Leitung von Prof. Dr. Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Das vermittelte Wissen basiert auf einer umfassenden Studienlage und Interdisziplinarität. Die Kurse werden regelmäßig evaluiert und weiterentwickelt. Leider fehlen auch hier die finanziellen Mittel zur Verstetigung dieses wertvollen Angebotes => https://ecqat.elearning-kinderschutz.de/.

Voraussetzungen für gelingende Prävention und Intervention:

  • Trauma-sensible und Trauma-pädagogische Aus-, Fort- und Weiterbildungen für alle Personen, die mit Kindern und Jugendlichen hauptamtlich und ehrenamtlich arbeiten.
  • Lernende Organisationen und Institutionen mit einer klaren Haltung und einer offenen Fehlerkultur. Fähigkeit zu Transparenz und Reflexion.
  • Interdisziplinäre Teams und Beratungen flächendeckend.

Bestimmt fällt uns noch mehr ein.
Fakt ist: Alles hängt am Wissen und an der Bereitschaft der Menschen, sich zu informieren, zu lernen, hinzuschauen und zu handeln.

Diese Bereitschaft hat die Enquetekommission zur Verbesserung des Kinderschutzes und zur Verhinderung von Missbrauch und sexueller Gewalt an Kindern im Landtag Niedersachsen gestern erkennen lassen.

Wir bedanken uns für den wertschätzenden Austausch auf Augenhöhe und wünschen viel Erfolg bei der Entwicklung und Umsetzung der Handlungsempfehlungen. Möglicherweise mit Vorbildcharakter für die anderen Bundesländer?

Können wir das schaffen?

Vielleicht nicht zu 100 %. Aber wir können uns auf den Weg machen:
Jede und jeder Einzelne indem sie oder er hinschaut und sich informiert.

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