#JaIchBin – Weil wir so viele sind – Derya C.

#TotortFamilie

Meine Erlebnisse und ein Apell an euch:

Mein Name ist Derya. Ich bin 33 Jahre alt. Ich habe 2 Kinder: 1 Tochter 15 Jahre und 1 Sohn 12 Jahre alt und #jaichbin missbraucht worden.

Ich war 5 Jahre alt als es angefangen hat und 12 Jahre alt als es aufhörte.
Mein Onkel tat es. Er lebte bei uns und sagte immer, dass er nur mit mir spielt. Dieser Satz: „Ich spiele nur“ ist bis heute für mich mit Ekel verbunden.
 

Ich wusste am ersten Tag meines Missbrauchs was da passiert. Ich wurde an dem Tag erwachsen.
Mein erster Gedanke war, dass mein Vater ihn umbringen würde, wenn er davon erfahren würde. Ich wollte das auf keinen Fall! Ich hatte Angst also schwieg ich.
Ich malte Bilder mit eindeutigen Anzeichen in der Hoffnung, jemand würde es erkennen. Meine Mutter fand sie und schlug mich.
Ich wurde älter und versuchte mit meiner Mutter ein Gespräch zu beginnen. Ich wusste nicht wie, aber irgendwie kamen wir zu dem Thema und sie sagte mir, wenn sowas sein sollte, musst du mir das sagen. Ich sagte ihr: „Du wirst mir nicht glauben.“ Sie schaute schockiert. Irgendwann vertraute ich mich einer Freundin meiner Mutter an und sie bereitete mich auf das Gespräch vor. Nach 1 Jahr war ich soweit. Ich erzählte es, aber das war`s auch. Es passierte nichts. Ich war schockiert und erzählte es jedem in der Familie und das Dilemma begann. Mir wurde nicht geglaubt. Ich sollte zu einer Gegenüberstellung mit meinem Onkel und ihm erzählen, was er mir angetan hat:

Absatz mit +++Triggerwarnung+++ Anfang

Ich saß in der Küche. 2 Tanten waren dabei. Ich fragte, wo meine Eltern sind. Sie zeigten nach oben. Ich fragte, warum sie nicht mit bei sind. Keine Antwort. Er kam rein. Aggressiv setzte er sich gegenüber auf den Stuhl und sagte: „Erzähl, was hab` ich dir angetan?“ Ich öffnete meinen Mund, aber die Worte kamen nicht raus. Ich versuche es weiter, aber kein Ton! Er riss an meinem BH und griff meine Scheide und sagte dabei: „Das gehört alles mir! Ich kann alles machen, was ich will!” Ich konnte mich nicht bewegen. Ich schaute zu meinen Tanten und dachte: „Da habt ihr euren Beweis!“ Aber es hieß ich hätte gelogen, da ich ja nichts habe sagen können! Ich war einfach komplett zerstört, da ich immer gedacht habe, mein Vater könnte es sehen, wenn ich die Wahrheit sage. Aber er konnte es nicht sehen! Er sagte es mir auch: „Ich kann dir nicht glauben!“ Das zerstörte mein Weltbild. Nach diesem Tag wurde ich zu meinem Onkel und Vater gebracht und musste da leben. Ich musste ihn bedienen wie eine Sklavin. Das war schlimmer als der Missbrauch. Ich fragte meine Mutter: „Was soll ich hier?“ Sie sagte sie wolle so die Wahrheit herausfinden. Ich fragte, ob es ihr Ernst ist. Ich konnte nach 1 Monat nicht mehr und ging zum Jugendamt. Dank ihnen konnte ich aus diesem Albtraum ausbrechen.

Absatz mit +++Triggerwarnung+++ Ende

Ich habe im Nachhinein erfahren, dass meine Mutter sowie Großmutter auch als Kind missbraucht wurden. Eventuell sogar mein Vater. Ich muss sagen, dass ich heute auf mich stolz bin, dass ich diesen Teufelskreis durchbrochen habe. Ich habe es geschafft mich dagegen zu stellen und die Wahrheit laut auszusprechen. Meine Tochter ist heute in der Lage NEIN zu sagen und sie kann sich ohne Probleme wehren; ohne Angst das ihr nicht geglaubt wird. Ich habe Kinder, die ihre Grenzen wahren können, weil ich ihnen erlaubt habe NEIN zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen. Kein Kind muss zu einem Abschiedskuss gezwungen werden. Es ist ihr Körper und sie darf NEIN sagen und auch ich als Mutter habe nicht das Recht dazu. Es ist nicht mein Körper, sondern das von diesem Menschen. Auch wenn es sich um ein kleines Kind handelt, so weiß es ganz genau was ok ist für sie oder ihn oder nicht. Ich habe auch versucht meinen Kindern die Sicherheit zu geben, dass ich Ihnen glaube, wenn sie mir was erzählen. Ich habe noch nie meinen Kindern gesagt ich glaube dir nicht oder du lügst. Ich habe ihnen auch gezeigt, dass es ok ist, auch wenn man sich jemanden anvertraut und erzählt, was nicht gut läuft; auch wenn das Mama oder Papa sind. Geheimnisse in der Familie ist das schlimmste für Kinder! Und wenn meine Kinder das können und sicher sind, dass sie geliebt und geschützt werden, dann hat sich mein Kampf gelohnt. Jeder Schmerz, jede Erniedrigung war es dann wert und ich habe meine Aufgabe erfüllt.

Ich will nur sagen: „Wenn auch Dir das passiert oder passiert ist, gib nicht auf! Such Dir Hilfe du bist nicht allein du bist ein Kämpfer, eine Kämpferin! Vergiss das nicht!“

Eure Derya C.
#JaIchBin

#JaIchBin ist ein Hashtag
für alle Betroffenen
von sexuellem Missbrauch und Gewalt in der Kindheit,
für alle Überlebenden,
für alle Opfer und Angehörigen

Raus aus der Dunkelheit, mach dich sichtbar:
Schicke uns dein Kinderbild und einen Satz an [email protected]
der dich in deiner Kindheit begleitet hat
und dich heute nicht loslässt!
Zeige so das WIR unglaublich viele sind…
Weil wir so viele sind 👉 www.weilwirsovielesind.de 👀

Idee & administrative Durchführung: Michaela Goldau

#JaIchBin Derya C.

…Als ich klein war sagte er:

„Ich spiele nur!“

Mit 5 Jahren erklärte mein Onkel mir so,
was er da tut.

Man glaubt mir bis heute nicht.


(Derya C.)
#JaIchBin

#JaIchBin - Weil wir so viele sind - Ines Römer

… Als ich klein war, verging er sich an mir...

#JaIchBin - Weil wir so viele sind - Marianne Wyss

…Als ich zwei Jahre alt war verging sich mein Grossvater...

1 reply added

  1. Bea 21. Januar 2021

    Liebe Derya,
    danke für deine Offenheit und Respekt vor deinem Mut!
    Auch ich weiß, was “Familiengeheimnis” bedeutet und es lief mir eiskalt den Rücken runter, als ich deinen Apell las. Du bist eine starke und mutige Frau und kannst so stolz auf dich sein!
    Bei mir waren es zwei Brüder meines Vaters und ich habe mir aufgrund ihrer Drohungen nie gewagt, etwas zu sagen. Erst, nachdem ich nach Jahren zusammenbrach, rückte ich langsam mit der Sprache raus, da war mein Vater leider schon tot. Das Thema wird totgeschwiegen und diese laute Stille ist bis heute so schmerzhaft!
    Ich fühle mich wie der Schandfleck der Familie, dabei sind sie es, die sich schämen müssten! Auch ich habe schon damals stumme Hilfeschreie von mir gegeben, die sie nie wahrgenommen haben. Im Gegenteil, als ich wieder anfing, einzunässen, bekam ich nur Ärger und Prügel.
    Ich wünsche dir und deiner eigenen kleinen Familie alles Liebe und schließe mich von Herzen deinem Apell an!

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