Kurz & knapp

 

Ich und meine ANP (Anscheinend Normale Persönlichkeit). Mit eins der schönsten Dinge in meinem Leben ist, dass ich so viele Menschen kennenlernen durfte. All denen, in deren Leben ich mal kurz aufgeschlagen bin und dann irgendwann wieder in den Äther verschwand, mit denen mich schöne Erinnerungen verbinden, möchte ich sagen, danke dafür.

1990-1994 Fachtheorielehrer
Meine Aufgabe bestand darin, Architekten, Dipl. Ing. Metall und Tech. und Bauzeichner in einem sechsmonatigen Kurs  zum CAD Anwender und zur CAD Fachkraft auszubilden. Programmiersprachen, Word, Excel, MS DOS und Windows gehörten natürlich dazu. Leisten musste ich 26 Stunden/Woche; in der Schule meinen Unterricht abhalten. Die Studenten habe ich auf die IHK Prüfungen vorbereitet, um diese erfolgreich abzuschließen. Den Rest der Woche war ich daheim und habe den Unterricht vorbereitet.

1991 Leben in der schönsten Form und der Tod
Am 6. Februar erblickte mein Wunschkind Phil das Licht der Welt. Was für eine Freude. Der erste den er sah, war der Papa. Ich hab ihn gebadet, oh wie schön. Der Sommer war der Hammer. Durch die Berufsschule war ich viel daheim. Wir sind im warmen Sommerlicht an die Bevertalsperre gefahren. Er im Rucksack.
An einem Freitag, dem 13. Dezember, klingelte morgens um halb sechs das Telefon. Mein Bruder Manfred teilte mir mit, dass Mama gestorben sei.

1992 Kein Sinn, kein Ziel
Mit neun Jahren wollte ich erstmals sterben. Das zweite Mal parkte ich meinen Wagen hinter dem Totenhäuschen am Friedhof und schluckte 20 Schlaftabletten gemischt mit zehn Kölsch.

1995-2004 Selbstständig – selbst und das ständig
Durch einen Lehrgang in München lernte ich Bruno R. aus Köln kennen. Ingenieur bei Toyota Motorsport. Ich fing nebenberuflich als Freelancer an. Erster Stundenlohn 76,- DM. Man stellte mich vor die Wahl, ganz bei Toyota anzuheuern. Zeitweise hatte ich bis zu zehn Angestellte. Zusätzlich übernahm ich Schulungen für einen israelischen CAD/CAM Softwarehersteller europaweit. Ich schulte oft Vorort; hatte aber auch einen Schulungsraum in Hamm, Westfalen. Zehn Arbeitsplätze mit pädagogischem Netzwerk (also zeitgemäß up to date) und eine Niederlassung des Softwareherstellers zwei Häuser weiter.
Zu dieser Zeit arbeitete ich 15 Stunden am Tag, zuletzt 7 Tage die Woche. Meine Frau: 1995 kennengelernt, Dezember 1997 auf Fiji geheiratet und getrennt März 1998, geschieden 2007!?

1997 Gründerpreis Bonn/Rhein Sieg
Gelungene Firmengründung in der Region Bonn/Rhein Sieg.

2003 Der Hirnschlag
Im Februar 2003 hatte ich eine Schulungswoche in meinem Schulungsraum in Hamm, Westfalen. Ich schulte Mitarbeiter von Firmen, die diese Software gekauft hatten und jetzt darauf fit gemacht werden mussten. Mittags lud ich die Teilnehmer zum Essen ein. Als ich den Schulungsraum abschloss, brach ich ohnmächtig zusammen. Mit dem Notarzt ins Marien-Hospital auf die Stroke Unit. Intensivzimmer für Hirnschlagopfer. Drei Tage lag ich da. Zwei Monate später immer noch Schwindel, permanent dreht sich alles. Wie im Suff. Aufträge schliefen ein, die Firma führungslos und ich dachte, das wäre es gewesen mit meinem Leben. Ich verlor alles….

2004 Wieder zurück in Deutschland
Im Oktober kam ich zurück aus der Schweiz. Ich war das letzte Jahr dort und hab bei Freunden gewohnt und den Hirnschlag verdaut. Keine Krankenversicherung mehr, kein Zuhause, keine Familie oder Freunde. Ich sprach bei einem ehemaligen Kunden in Solingen vor und legte meine Karten offen. Er stellte mich für 1.000€/netto ein. Hurra ich war krankenversichert und konnte mir eine Wohnung leisten. Insolvenz angemeldet und mein Haus verloren. Dafür das Gleitschirmfliegen gewonnen. Ich bekam die Chance, ein Volontariat zum Redakteur zu durchlaufen; beim größten Drachen- und Gleitschirmfliegermagazin „Fly and Glide“. Schreiben ist nicht mein Ding, so kümmerte ich mich um den Anzeigenverkauf und Vertrieb. Ich zog in einen alten Camping Bulli T3 und bereiste Europa. Jeden Tag fliegen, Spaß haben und sich des Lebens freuen.

2007 Sterben die Dritte
Zu wissen, dass etwas nicht stimmt, tut weh. Du weißt nicht, was da drückt. So schnitt ich mir am rechten Handgelenk die Pulsader auf und kniff dann doch. Viel Blut um nichts, alles bleibt wie es war, nur, dass ich jetzt täglich daran erinnert werde.

2008 WORKING USA
In diesem Jahr musste sich wieder einmal alles ändern. Ich bewarb mich bei einem Softwarehersteller für Redaktionssysteme und bekam die Stelle. Erstmal zur Ausbildung nach Salt Lake City, Utah. Ich habe bis zum 1.3.2013 meine größten beruflichen Erfolge. Ich habe die Welt bereist. Ich habe die verschiedensten Berufsgruppen in aller Welt ausgebildet, alles ohne Hauptschulabschluss.

2013 Meine Überlebensstrategie verschwand
Am ersten März 2013, in den frühen Morgenstunden und nicht ganz nüchtern, kamen mir, wie von einem Blitz getroffen, Bilder in den Kopf. Sie lassen bis heute nicht von mir los. Es werden mehr und es wird unerträglicher. Ich hasse mich, ich schäme mich, auch wenn ich in meinen Therapien lerne, dass ich keine Schuld habe. Ich war sechs und schüchtern bis ängstlich. Ich sehe Eisblumen am einfach verglasten Sprossenfenster im kleinen Zimmer von Manfred und Bernd. Es passten gerade die beiden Betten ins Zimmer. Eiseskälte, der Atem schwebt durchs Zimmer. Dietmar H. war mit seiner Mutter zu Besuch. Neun Jahre Panik, Angst, Schmerzen, Scham, allein sein und ohne Ziel. Ein Wochenende in Erftstadt festgehalten. Vor Angst in die Hose gemacht und dafür vom Vater halb tot geschlagen und erniedrigt. Nackt vor Gästen und Geschwistern die voll gemachte Unterwäsche in einem Eimer Wasser mit Waschpulver selbst reinigen müssen. Ich rieche es heute noch, ich ekel mich. Ich spüre den Faustschlag, den mein Vater mir verpasst hat, als ich die Wäsche wusch. Ich laufe und laufe, schaffe jedoch keinen Abstand. Ich trage seit 43 Jahren ein Korsett, so eng geschnürt, dass die Bauchmuskulatur angespannt sein muss und das bis heute. Ich hab mit 18 Jahren geheiratet, damit ich von zu Hause raus konnte. Mit 25 kam mein Phil zur Welt. Mein Bester, den liebe ich wirklich. Sie haben meine Kindheit im Alter von sechs Jahren zerstört, mir verwehrt, Phil aufwachsen zu sehen. Eine Familie zu haben, wie Martin oder Wolfgang. Einfach nur leben durfte ich nicht.

Drei Jahre hoffe ich, dass es morgen besser wird, drei Jahre lang. Ich kann machen was ich will, es wird nicht besser. Doch Weglaufen hilft auch nicht mehr. Wo geht die Reise hin?
Was braucht es mehr, als eine zerstörte Existenz, drei Jahre Therapie und zwei Zeugen, um als Opfer anerkannt zu werden? Bei den Behörden fühle ich mich als Täter. Ich bin neun Jahre durch die Hölle gegangen und jetzt hab ich Angst, nicht mehr ins Leben zu finden.