Hilfetelefon, Hilfeportal
Fonds sexueller Missbrauch
OEG (Opferentschädigungsgesetz)
Diagnose Komplexe PTBS und mehr (6B41/ICD11)

Fonds Sexueller Missbrauch im familiären und institutionellen Bereich

Betroffene sexuellen Missbrauchs im Kindes- oder Jugendalter im familiären und institutionellen Bereich können Anträge auf Hilfeleistungen aus dem Ergänzenden Hilfesystem an die Geschäftsstelle des Fonds Sexueller Missbrauch stellen .

Hilfsangebote in deiner Nähe (Fachberatung und mehr; leider keine Selbsthilfegruppen) kannst du hier finden =>> Hilfeportal

Kennst du das OEG?

Schon vor einigen Jahren wurde eine Reform des Sozialen Entschädigungsrechts angekündigt, zu dem auch das Opferentschädigungsgesetz gehört. Vor dem Jahr 2024 wird eine Neufassung jedoch voraussichtlich nicht in Kraft treten. Nach unseren neuesten Infos aus Berlin ist zu befürchten, dass die Neufassung eher ungünstiger für die Entschädigung Betroffener ausfällt als die jetzige Lösung.

Die aktuelle Gesetzeslage zum OEG stellt sich wie folgt dar:
Personen, die durch eine Gewalttat eine gesundheitliche Beeinträchtigung erlitten haben, können nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) auf Antrag Heilbehandlungs-, Renten- und Fürsorgeleistungen erhalten. Anspruchsberechtigt sind Geschädigte und Hinterbliebene (Witwen, Witwer, Waisen, Eltern).

Ein Anspruch setzt voraus, dass eine Person durch einen vorsätzlich begangenen rechtswidrigen Angriff oder bei dessen rechtmäßiger Abwehr eine gesundheitliche Schädigung erlitten hat. Eine Verurteilung ist nicht erforderlich.

Wie und wo wird der Antrag gestellt?
Der Entschädigungsantrag kann wie folgt gestellt werden:
Formlos oder mit Formularen der Landesversorgungsbehörden oder mit Hilfe des bundeseinheitlichen Antragsformulars.

Bei einer Gewalttat im Inland können Betroffene den Antrag bei der Versorgungsbehörde des Bundeslandes stellen, in dem sich die Tat ereignet hat.
Umfangreiche Informationen zum OEG und den jeweils zuständigen Behörden gibt es hier: http://www.bmas.de und hier: https://beauftragter-missbrauch.de

Was ihr aus vielfacher Erfahrung beachten solltet:

Bei Antragstellung für das OEG muss man mit einer sehr langen Bearbeitungszeit rechnen.

Ein Antrag im Rahmen des OEG bedeutet aufgrund der hohen Standards hinsichtlich der Prüfung auf Plausibilität und Begutachtung sowie Offenlegung der gesamten persönlichen Erfahrungen in Bezug auf die Tat, eine große Belastung für den Antragsteller. Die meisten Antragsteller aus dem Bereich Sexuelle Gewalt scheitern beim OEG an den hohen Hürden der Beweispflicht und Glaubwürdigkeit. Entscheidet selbst. Wenn ihr stabil seid und eure Hoffnungen in Grenzen haltet, dann versucht es auf jeden Fall.

Die Kritikpunkte der gängigen Praxis sind dem Gesetzgeber hinlänglich bekannt. Bereits im September 2018 wurde unserer damaligen Familienministerin Frau Giffey eine lange Liste der reformbedürftigen Punkte durch Ingo Fock und Kerstin Claus im Rahmen des Kongresses MitSprache des Betroffenenrates übergeben. Im Rahmen eines Workshops waren wir an der Erstellung der Forderungen beteiligt. Frau Giffey versprach, sich für die Umsetzung einzusetzen. Dennoch wird mit einer evtl. Verschlechterung der Bedingungen gerechnet. Grund hierfür ist ein vorliegender Gesetzesentwurf, der auf das Ergebnis schließen lässt.

Welche Diagnose ist die richtige?

Folgen schwerer Traumatisierungen – klinische Bedeutung und Validität der Diagnose komplexe posttraumatische Belastungsstörung

Dr. Martin Sack Komplexe PTBS 2005

„Das Symptomspektrum von Patienten mit schwersten und langanhaltenden Traumatisierungen wird durch die Diagnosekriterien der posttraumatischen Belastungsstörung nur unzureichend beschrieben. Ergänzend wurde daher von einer Arbeitsgruppe um Judith Herman und Bessel van der Kolk die Diagnose der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung vorgeschlagen …“

Ein erlebter sexueller Missbrauch in der Kindheit ist immer ein traumatisches Erlebnis. Eine Vielzahl der Taten kommt erst nach vielen Jahren ans Licht. Durch Tatdynamiken, Täterstrategien und kindliche Schutzfaktoren bedingt, hat die/der Betroffene meist keine frühzeitige Hilfe erfahren. So wird aus dem Erlebten auf Dauer ein chronisch komplexes Trauma, aus einer PTBS eine chronisch komplexe PTBS. Dies zu wissen ist der erste Schritt zur richtigen Diagnose und zur adäquaten Hilfe.

Dieser Tatsache trägt nun endlich nach Jahren der neue ICD 11 Rechnung:

Dr. Jan Gysi: Die aktualisierten Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation. Auswirkungen auf Therapie und Strafverfolgung.

Häufig wird von Ärzten/Therapeuten die Diagnose „Borderline“ gestellt. Hat der Patient jedoch mehrfache Traumatisierungen (oft in der Kindheit) erfahren, so liegt meist eine Kompelxe PTBS vor.