Der Grund

Andere landen auf der Straße, verletzen sich selbst oder Schlimmeres, wir ziehen ins Wohnmobil!

Heute kam der Bescheid aus dem Traumhaus Bielefeld. Abgelehnt – weil ich Kassenpatient bin und von der Klinik aus mehr als 100 km entfernt wohne. Wäre ich Privatpatient sähe es anders aus. Zuerst bin ich in ein tiefes Loch gefallen, habe geweint, geschluchzt und fühlte mich allein gelassen. Ich möchte den täglichen Druck nicht mehr. Das war die letzte Hoffnung auf Hilfe. Ich hab mich jetzt dreimal gefreut, dass ich endlich weiterkomme und am Leben teilnehmen kann. Nun sind mehr als drei Jahre ins Land gezogen und die Kraft, eine Therapie zu starten schwindet. Was ich bei Frau Bark, meiner ambulanten Therapeutin, gelernt habe ist: Keiner kann mir das Erlebte nehmen, ich kann aber gelassener damit umgehen. Dank Frau Bark und meiner Hausärztin bin ich vom Opfer zum Überlebenden gereift.

Das Trauma überleben (Quelle: missbrauch-opfer.info)

Der Begriff „Überlebender“ beschreibt genau den Zustand eines sexuell missbrauchten Kindes, das erwachsen geworden ist. Indem die Erfahrungen durchlebt wurden, wandelt sich allmählich das kindliche Opfer zu einem erwachsenen Überlebenden.

Überlebende sind unglücklich, weil sie intuitiv wissen, dass sie sich bloß über Wasser halten, statt ihre Möglichkeiten für ein zufriedenes und lohnendes Dasein auszuschöpfen. Glück und Erfüllung sind unmöglich, wenn Körper und Geist darauf gedrillt sind, im Alarmzustand der Überlebenssicherung zu verharren.

Ich bin eine therapeutisch genannte „Anscheinend Normale Persönlichkeit“, kurz ANP. Kaum jemand sieht oder kann nachempfinden wieviel Scham, Schmerz, Wut und Traurigkeit ich Tag für Tag mit mir herumtrage. Darum kämpfe, die schlechten von den guten Gedanken zu trennen. Neun Jahre Missbrauch haben viele jüngere Anteile in mir zurückgelassen. Diese kommen hier und da zum Vorschein. Um diese zu integrieren benötige ich eine Traumatherapie für chronisch komplex traumatisierte Menschen. Diese Hilfe wird mir verwehrt. Da auch die Kliniken Essen/Bochum etc. Absagen erteilten, gibt es für mich erst einmal keine Hilfe. Nun muss ich handeln. Zur Wahl standen nun:

  1. Das Auto verkaufen, um dann hier gebunden in meiner kleinen Wohnung in Depressionen zu verfallen.
  2. In ein Wohnmobil ziehen, dafür Geld in der Tasche um auch den Kühlschrank zu füllen und etwas zu bewegen.

Ganz lieben Dank gilt meinen Geschwistern. Ihr habt euch alle so lieb bemüht und es mir überlassen, wann ich die Kraft habe euch zu sehen. Wir haben uns fast 25 Jahre nicht gesehen, trotzdem hatte ich ein wenig das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Es tut mir so leid, dass ich in eurer Heimat keine Ruhe finden kann. Die Nähe zu euch wäre schön.

Und meinem Besten, Phil, meinem Sohn. Ich bin sehr stolz auf dich und weiß, du machst deinen Weg. Danke, dass du bist wie du bist. Ich hab dich lieb.

Ohne meine besten Freunde, Gudrun Graf, Nürnberg und Thomas Michalzcak, Duisburg, wäre das Projekt nicht machbar. Danke. Ihr habt mir den Grundstein gelegt, um betroffenen Menschen zu helfen.

Der Traumatisierungsprozess:

Es werden Abwehrmechanismen entwickelt, die helfen, seelisch und körperlich zu überleben. Diese Mechanismen resultieren aus dem Schockzustand des sexuellen Traumas und der Unfähigkeit, das Trauma zu überwinden.

Die zentralen Abwehrmechanismen setzen sich aus Verleugnung, Verdrängung der Erinnerung und Dissoziation zusammen und sichern das Überleben.

Sie helfen trotz des belastenden Leides in der Welt, funktionsfähig zu bleiben.

Im Erwachsenenalter sind diese Mechanismen immer noch wirksam, es wird weiter im „Überlebensmodus“ verharrt.

Was für immer bleibt ist die Erinnerung, der tägliche Kampf nicht im Überlebensmodus zu verharren. Es braucht viel Kraft, den schlechten Erinnerungen keinen Raum zu geben.

Ich habe dank meiner ambulanten Therapeutin, mein gesamtes Leben reflektieren können und mir klar machen können, dass ich nicht weiter wegzulaufen brauche. Auch wenn meine letzte Hoffnung, das Traumhaus Bielefeld, geplatzt ist, weiß ich, dass mir niemand das Erlebte abnehmen kann. Ich werde mein Leben auch weiter leben. Was ich nicht möchte, ist, dass ich weiter in Depressionen, Dissoziationen und Erinnerungen verharre.

Deshalb bitte ich Sie, unterstützen Sie uns mit Ihrer Unterschrift!

Herzlichst

Picasso & Markus