999 Tage Tour41 und ein Leben in der Enola Gale

Mein Lieblingsplatz / Bild: Phil Diegmann

Am 19. Juni 2019 mache ich den 999. Tag voll. Seit ein paar Wochen läuft die Tour auf Hochtouren. Im Mai hätte ich mir nie träumen lassen, dass wir jetzt mehr als 300.000 Unterschriften haben. High Score ist der 4. Juni – an einem einzigen Tag mehr als 60.000 Unterschriften. Und dennoch, was machen die Tage, wenn das Ziel noch nicht erreicht ist? Es ist ein Tag wie jeder andere.

Zuerst dachte ich, es muss groß gefeiert werden. Ich könnte mal in den Urlaub fahren oder einfach mal ohne das Thema „Kindesmissbrauch“ leben. Mal etwas nur für mich machen. Heute sehe ich das anders. Es war ein langer Kampf mit Ups und Downs. Es gab gute und schlechte Tage. Schlimm ist es, wenn man  Erfolg hat und als Dank von anderen Aktivisten als „Showman“ und Lügner dargestellt wird. Menschen mit Taubenflügeln auf dem Rücken oder als Teil einer importierten Aktion der „Gelbwesten“. Solche, die keine Betroffenen sind und einem an den Kopf werfen „Du hättest dich ja wehren können“ oder einem unterstellen, alles wäre gelogen. Ich war fünf beim ersten Missbrauch! Wie sollte ich mich da wehren? Selbst verurteilte Sexualstraftäter versuchten mich und meine Tour41 in den Dreck zu ziehen. Aber das ist wohl normal, obwohl mein naives „ICH“ das nie verstehen kann. Ich habe doch nur das eine Ziel, das Schweigen zu brechen und die Verjährungsfrist aufheben. In der Politik ist der unhaltbare Zustand der Verjährungsfrist angekommen. Mittlerweile bin ich Teil der öffentlichen Debatte. Google ich meinen Namen, dann sehe ich zig Seiten über Missbrauch und meine Biographie, zig Artikel, Beiträge und Fernsehsendungen. Will ich das? Nein.

Ich gebe zu, als ich mit der Tour anfing dachte ich nicht, dass meine eigene Biographie eine so große Rolle spielt. Ich wollte nie im Vordergrund stehen, ich brauche keine Berühmtheit. Wer meinen Lebenslauf kennt weiß, dass ich das nicht brauche. Mir geht es um die 41 Kinder täglich – und um die vielen Kinder, die in der Dunkelziffer stecken. Aber ich möchte etwas ändern. Wir müssen über das Thema reden, um den Tätern den Freiraum zu nehmen. Auch wenn mich viele Tiefs fast aufgefressen hätten und auch zweifeln lassen haben, habe ich durchgehalten. Es ist nicht leicht in solch eine Rolle zu schlüpfen.

Was mich immer wieder aufrichtet sind die glänzenden Augen von Betroffenen, die glücklich sind, dass einer aufsteht und Informationen zu ergänzenden Hilfeleistungen und neue Perspektiven aufzeigt. Am Anfang war es schwer, Gehör zu finden und Erlaubnisse zu bekommen, Unterschriften zu sammeln. Heute habe ich einen voll funktionsfähigen Verein mit drei wundervollen Menschen im Vorstand. Ich habe so viel erreicht, dass ich gar nicht mehr aufhören kann und will. Ich nehme nicht am normalen gesellschaftlichen Leben teil. Ich schaue es mir aus der Ferne an. Viele Menschen und Lärm belasten mich. Nach zwei Tagen in einer Stadt brauche ich vier Tage zum Regenerieren. Wie kann es sein, dass Menschen glauben, dass ich ein Luxusleben führen würde? Denen möchte ich nahelegen, einen Winter im Wohnmobil zu verbringen. Doch es ist nicht wichtig, diesen Stimmen Raum zu geben. Ich ignoriere all das und mein Vorstand hält mich von diesen Menschen und ihren Diffamierungen fern. Ich werde nie die Erinnerungen an das Geschehene ablegen können und kämpfe nach wie vor jeden Tag dagegen an.

Viele Ziele haben wir schon erreicht. Unsere Selbsthilfegruppe besuchen schon acht Betroffene, wir stehen nicht mehr alleine da. Das würde ich mir auch für viele andere Regionen wünschen.

Überall in unserem Land leben Betroffene in der Dunkelheit. Unserer Aktion #JaIchBin sind schon viele Betroffene beigetreten und zeigen ihr Gesicht und ihr Lebensmotto. So kommen wir aus der Dunkelheit und erkennen, dass wir viele sind und keiner von uns allein ist.

An der Gesamtschule Kürten haben wir sieben engagierte junge Menschen die unsere Stefanie als Präventionscoaches ausbildet. Sie hat ein geniales Konzept entwickelt, so dass das Deutsche Jugend Institut (DJI) München sich im Rahmen einer Forschung des Bundes „Peer to Peer Disclosure“ sich für unsere Arbeit interessiert. Zudem hat das DJI mich als Beiratsmitglied in die Forschungsgruppe berufen. Was für ein Erfolg für unseren Verein.

Wir haben auf dem Kongress Mitsprache des Betroffenenrates der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) unter der Leitung von Herrn Rörig teilgenommen und viele tolle Kontakte geschlossen. Es gibt viel Bewegung durch viele Aktivisten. Wir waren in Freiburg zur Demo „Aktiv gegen sexuellen Missbrauch an Kindern„, in Hannover am Landtag bei der Initiative „Die Kinder von Lügde“ und vielen anderen Initiativen.

Change.org hilft uns aktiv die Petition zum Erfolg zu führen. Dank ihnen haben wir heute über 312.000 Unterschriften online. Auf Papier haben wir rund 25.000 Unterschriften. Das kann sich doch sehen lassen. Frei nach dem Motto von Familienministerin Franziska Giffey – sie war übrigens auch auf dem Mitsprachekongress – „Akzeptanz durch Penetranz“. Also weitermachen und nicht aufgeben. 1979 wurde die Verjährungsfrist bei Mord aufgehoben, warum sollte es bei sexuellem Kindesmissbrauch nicht auch gehen? Das Argument der schwierigen Beweislast ist fadenscheinig denn die Forensik und Forschung entwickelt sich weiter.

Der beste Tag auf meiner Tour war unsere Benefizveranstaltung OB8 – Noten gegen Missbrauch. Es war herzlich, mit tollen Künstlern und tollem Rahmenprogramm.

Danke an alle, die uns beistehen, uns unterstützen und sich für uns stark machen.

Beste Grüße aus der Enola Gale

Picasso und Markus