Verdamp lang her – heute kommt es mir vor, als wenn es gestern war

Wolfgang Niedecken, BAP, mit dem Lied „Verdamp lang her“ passt auf mein Leben. Es dauerte lange zu erkennen, warum ich wie in meinem Leben gehandelt habe. Ich kenne viele Situationen in meinem Leben, an denen ich fast zerbrochen wäre. In dem Jahr, als mein Phil geboren ist, habe ich das Liebste gewonnen und gleichzeitig das Liebste in meinem Leben verloren, meine Mutter, meinen Anker. Auch wenn ich keine physische Nähe zu meiner Mutter hatte, so hatte ich doch eine liebenswerte Verbindung zu ihr.

Ich war 25 Jahre alt, durch meine Biografie war ich Spätentwickler und zu jung, die Mutter zu verlieren. Ich kann heute noch nicht mit dem Tod umgehen, ebenso sind Krankenhäuser für mich eine Qual. Ich habe damals von jetzt auf gleich meine Familie verlassen, meinen zweijährigen Sohn und meine Frau. Hätte ich es nicht getan, wäre ich daran zerbrochen. Nicht nur wegen des Todes meiner Mutter, sondern auch, weil ich meinen Anker verloren hatte und meinen Sohn verlassen musste und jeden Augenblick auf der Flucht vor den anrollenden Gefühlen war. Mich hätte meine Vergangenheit überrollt und ich war noch nicht bereit, noch nicht bereit für diesen langwierigen aussichtslosen Kampf. Ich hätte ihn verloren und mich aufgegeben, ich hätte eine Lösung für mich gefunden. Ich habe in den ersten Monaten nach der Trennung jede verdammte Nacht geschwitzt, verkrampft und mich gequält. Ich kannte nur Vollgas nach vorn, um keine Bilder, Gerüche und einfach nur Ekel zuzulassen. Immer schneller, nur keine Ruhephasen, kein Raum für diese grausamen Gefühle, die da anrollen.

Es ist nicht fair, dass ich und die vielen anderen Betroffenen, Überlebenden und Angehörigen, jeden Tag gequält, retraumatisiert werden und wir uns rechtfertigen müssen. Wie kann ich frei von Schuld und Scham sein, wenn Behörden, Kliniken und Krankenkassen mir das Leben so schwer machen, weil ja grundsätzlich jeder lügt und sich eine Leistung erschleichen möchte. So resignieren Betroffene oft frühzeitig und werden so an den Rand der Gesellschaft katapultiert. Allein gelassen mit all dem Verwaltungswahn. Ich verstehe in meinem Borderleiner Schwarz-weiß-Denken nicht, wie schräg und falsch Menschen Betroffene in eine Schublade stecken können. Dabei brauchen wir/ich doch nur Hilfe! Die Täter werden verharmlost, können ihr Unwesen weiter treiben. Deutschland, schäm dich dafür! Seit Gründung der Bundesrepublik hätte sich etwas ändern können und müssen. Statt dessen machen wir weiter so, verlieren jeden Tag 1.000 Kinder (inklusive der Dunkelziffer). Wir müssen jetzt aufstehen, gemeinsam brechen wir das Schweigen! Ich höre nicht auf, mit meiner Tour41 Deutschland zu bereisen, der Weg ist das Ziel. Dennoch brauchen wir Mitstreiter, dem sexuellen Kindesmissbrauch den Kampf anzusagen. Vielen Dank an meinen Verein, unsere vielen Unterstützer und Mitstreiter. Ihr habt das Herz am rechten Fleck.

Herzlichst

Picasso & Markus

Die Asche meines Bruders – darum bin ich dabei

Die Asche meines Bruders – Die verborgene zerstörte Seele

           

Es ist Donnerstag, der 30. August 2007. Meine Hände zittern und ich habe
einen Kloss im Hals. Ich nehme mich zusammen und lasse meine Tränen nicht zu. Nur ein kleiner trockener Schluchzer lässt sich nicht verhindern.

Vorsichtig hebe ich mit meiner Schwester die Urne mit der Asche meines Bruders vom Sockel. Mit unseren Kindern haben wir sie vor ein paar Tagen gebastelt. Aus Pappmaschee; mit Hilfe von zwei Blumentöpfen. Hübsch angemalt und mit all unseren Handabdrücken versehen. Im Friedwald darf nur Vergängliches in die Erde. Asche zu Asche eben. Zusammen lassen wir sie in die Öffnung im Boden gleiten. Es ist ein schlimmes Gefühl, das Gefäß ist schwer. Dennoch nicht schwer genug um sich vorzustellen, dass das einmal unser Markus war.

Der liebe, empathische, breitschultrige, schlanke, 1,80 m große, gutaussehende Bruder, den wir in den letzten Wochen vergeblich versucht hatten zu retten. Wie konnte das bloß alles passieren? Warum haben wir nichts bemerkt? Warum hat er nichts erzählt? Uns um Hilfe gebeten? Haben wir das Richtige getan? Was hätten wir anders, besser machen können?  Viele Fragen, die uns bis heute und wahrscheinlich für den Rest unseres Lebens durch den Kopf gehen werden.

Aus heutiger Sicht kann man sagen; wir wussten es nicht besser. Wie denn auch? Es gab keinerlei Berührungspunkte zum Thema sexueller Kindesmissbrauch. Man las ab und zu mal etwas in der Zeitung. Aber das war irgendwie weit weg. Relativ selten. Betraf uns nicht persönlich. Dachten wir! Die Enthüllungswelle über die vielen Fälle in Kirche, Heimen, Schulen usw. brach erst kurz nach dem Tod unseres Bruders über das Land.

Was war passiert?

Am 01. Juli 2007 feierten wir den 1. Geburtstag meines Neffen. Wie immer kam die ganze Familie zusammen. Nach einer Weile wunderten wir uns, dass Markus noch nicht da war. Er kam immer. Auf ihn war verlass. Na gut; in letzter Zeit hatte er sich ziemlich zurückgezogen. War sehr ruhig. Blieb nicht sonderlich lange. Ging nicht mehr ohne seine Kappe aus dem Haus; tief ins Gesicht gezogen.

Wir erklärten uns dieses Verhalten mit der Tatsache, dass er  vor einiger Zeit seine Arbeitsstelle verloren hatte, weil die Firma Insolvenz anmelden musste. Er hatte nach der Fachoberschulreife eine Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker gemacht, danach 5 Jahre als Endprüfer von Stromschienensystemen gearbeitet.

Er verfiel in Niedergeschlagenheit, Depressionen. Die Vorstellung beim Arbeitsamt, die Maßnahme als 1-€-Jobber arbeiten zu müssen. Alles fiel ihm täglich schwerer. Er entwickelte langsam eine soziale Phobie. Konnte uns nur noch schwer in die Augen schauen. Versuchte sich bei einigen Firmen als Zeitarbeiter. Kam nicht mehr mit den Kollegen, mit Menschen allgemein klar.

Mit guten Ratschlägen hielten wir nicht hinterm Berg. Wir verstanden sein Verhalten nicht (zu unserer Verteidigung ist zu sagen: Damals war auch das Thema „Depression“ und „Burn out“ noch nicht im Focus der Öffentlichkeit). Wir versuchten ihn zu beschäftigen. Baten ihn um Mithilfe beim Renovieren, beim Hüten der Kinder, usw. Wollten ihn aus der Isolation holen.

Bis sich dann in der Nacht vom 01. Juli 2007 zum 02. Juli 2007 alles zuspitzte und er uns eine fast unerträgliche Wahrheit offenbarte, die niemand auch nur im Entferntesten hätte erahnen können.

Markus war zum ersten Mal nicht zum Geburtstag meines Neffen erschienen. Wir machten uns Sorgen und riefen ihn an. Er war verzweifelt; weinte. Wir fuhren zu ihm – meine Mutter, meine Schwester und ich. Unter größten Schwierigkeiten, er war von Scham- und Schuldgefühlen zerfressen, berichtete er uns über den schweren Missbrauch in seiner Kindheit. Vom 9. bs 11. Lebensjahr besuchte er eine Pfadfindergruppe. In dieser Gruppe gab es 5 Gruppenleiter. 4 davon waren pädophil. Es gab mehrere Kinder, um die sie sich „in besonderem Maße kümmerten“.  Sie wurden übrigens nie zur Rechenschaft gezogen. 2007 betrug die Verjährungsfrist 10 Jahre nach dem 18. Geburtstag. Mein Bruder war gerade 29 Jahre alt geworden. Leider wissen wir, dass „sein“ Täter immer noch aktiv ist.

Nur wer sich mit der Thematik beschäftigt; die perfiden Strategien der Täter hinterfragt und sich über die schwerst belastenden und traumatisierenden Erfahrungen der Opfer, oder wie sie sich zu Recht nennen, der Überlebenden, informiert, kann im Entferntesten erahnen, was dieses Erlebnis für ein Kind und seine Entwicklung bedeutet. Niemand, der das nicht versteht, sollte über Täter urteilen dürfen, über die Zukunft und Schicksale von Kindern entscheiden und über dieses Thema berichten und öffentlich diskutieren dürfen!

Der „nette“ und überflüssige Kommentar (natürlich anonym) im Trauerportal meines Bruders:

„*********R.I.P. *********** Kann nicht begreifen, dass diese schlimme Tat von niemanden bei einem 9 jährigen Jungen bemerkt wurde!“

Tja vielen Dank auch! Das konnten wir selbst lange nicht begreifen. Aber genau das ist das Thema. Täter haben Strategien – Kinder haben Scham- Schuldgefühle und Angst. Sie verstehen nicht, was da eigentlich mit ihnen passiert und sind erst recht nicht in der Lage, Hilfe zu holen. Sie werden durch vielfältige Methoden zum Schweigen gebracht: „Wenn du etwas sagst, bringe ich deine Eltern um!“ Oder: „Du hast etwas Böses gemacht, wenn das jemand erfährt, holt dich die Polizei!“ Oder: „Du hast dich doch nicht gewehrt, also hat es dir doch auch gefallen; du willst doch nicht, dass das deine Eltern erfahren?“

Aber auch wenn sie nicht offen bedroht werden, ist die traumatische Erfahrung zu schlimm. Sie können das Geschehen nur ertragen, indem sie sich „abspalten“. Sich im schlimmen Moment des Erlebens „wegdenken“, danach das Erlebte in sich verschließen und nach außen hin ein scheinbar normales Leben leben. Leider passiert es nicht selten, dass dieses verschlossene Trauma unentdeckt bleibt, wie eine tickende Zeitbombe im Innern wohnt und sich irgendwann im Erwachsenenleben seine Bahn bricht.

Für unseren Markus war es leider zu spät. Alles Bemühen um Hilfe war vergebens. Er hatte sich längst entschieden zu gehen.

Heute wissen wir:

Nicht wir sind schuld, weil wir es nicht bemerkt haben.
Nicht Markus ist schuld, weil er nichts gesagt hat.
Der einzig Schuldige ist der TÄTER!
Und alle, die die Wahrheit verdrehen; die Opfer wie Täter behandeln, nicht ernst nehmen, verstoßen und an den Rand der Gesellschaft drängen, verharmlosen und die Täter schützen, machen sich mitschuldig!

Information – Intervention – Prävention!

ES  GEHT  UNS  ALLE  AN !

Ich kann nicht länger schweigen und nichts tun – darum bin ich dabei und habe mich Markus Diegmann und seiner Tour41 angeschlossen!

Steffi Lachmann